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Reden mit Emos?

»Man sollte sich nicht anpassen...!«

Das Gespräch führte
Alexander Sancho-Rauschel

»Ich bin stolz, ein Südländer zu sein. Südländer sind schön braun und fahren dicke Autos«, sagt Madzid. – »Aber die Mafia und die bösen Leute in Frankfurt fahren auch dicke Karren«, widerspricht Jusuf. – »Es hat nichts mit Coolheit zu tun, woher man kommt. Es ist ein Vorurteil, auch gegen den Anderen«, meint Lucia.

Bei der weiteren Debatte wird klar, dass einige Jugendliche in der Klasse gegen irgendeine Nationalität Vorurteile haben, manchmal, »weil sie die Atombombe erfunden haben« oder »weil man schlechte Bekanntschaften gemacht hat«, manchmal, weil diese Anderen »Rassisten sind«.

Als Ursprung der Vorurteile zwischen den Nationalitäten gilt für die meisten Schüler der Krieg. Wenn zwei oder mehrere Nationalitäten sich bekämpft haben, dann bleibt unter Umständen über mehrere Generationen hinweg eine Feindseligkeit bestehen, was zu Hass und zu gegenseitigen Vorurteilen führen kann. Als Beispiel wird die Spannung zwischen Israelis und Palästinensern genannt, aber auch der Kosovo-Krieg.

»Ich habe was gegen Serben«, sagt Madzid. »Mein Vater hat den Krieg erlebt. Er hat mir nie was darüber erzählt, aber trotzdem.« Beim Weiterfragen lässt sich jedoch feststellen, dass er nur einen einzigen Serben persönlich kennt – und dass gerade dieser einer seiner besten Freunde ist. Nun meint er: »Ich mag Serben nicht und teilweise mag ich sie doch, aber nicht als Gruppe.« Was also bedeutet: Wenn die Gruppe in den Hintergrund tritt, dann kann der Einzelne zum Vorschein kommen, und zwar als Individuum.

Einige Schülerinnen sind allerdings grundsätzlich anderer Meinung: »Ich finde es unnötig, andere Menschen zu hassen« »Die Menschen sind alle gleich.« – » Ich habe gegen niemanden etwas, und es geht auch vielen anderen Jugendlichen so«, meint Giulia. – »Rassisten«, findet Felix, »sollte man ignorieren!«

Obwohl eigentlich alle finden, dass die Menschen letztlich alle gleich sind, scheinen aber auch sie manche Außenseiter unter ihren Gleichaltrigen nicht zu mögen und Vorurteile ihnen gegenüber zu haben. Die Klasse einigt sich schnell gegen die sogenannten Emos. Dabei handelt es sich um Anhänger einer jugendkulturellen Szene, die als Subgenre zum Hardcore/Punk gehört, sich allerdings durch die starke Betonung von Gefühlen wie Verzweiflung und Trauer (vor allem, aber nicht nur in der Musik) charakterisiert. Emos werden nicht gemocht, weil sie schwarz angezogen sind, also weil sie äußerlich anders als die Anderen aussehen, oder weil sie als eine Art Punks gelten – und Punks können einen »erschrecken« und auch bedrohlich wirken.

Darauf stellt sich die Frage: »Was würdest Du machen, wenn Du in einer Klasse von Emos wärst, wenn also Du der Außenseiter/die Außenseiterin wärst?« – »Dann tröste ich sie und sage, es ist nicht so schlimm, du kannst zum Arzt gehen oder so was«, spaßt Kenan.

Während die Jungen auf einen Gesprächsversuch mit den Emos verzichten würden, würden einige Mädchen versuchen, ins Gespräch mit ihnen zu kommen. Denn »man sollte mit den Anderen reden und auch sie tolerieren« – »Auf jeden Fall würde ich mich nicht zum Emo machen,« sagt Jannik, »selbst wenn ich dann immer allein bin.«

Es gilt fast für alle: Man sollte sich nicht anpassen, sondern man selbst bleiben. Viele haben auch selbst mal eine Situation erlebt, in der sie der Außenseiter waren oder beleidigt wurden, weil sie anders waren. »Mich haben Jungs einmal beleidigt, weil ich Fußball gespielt habe, und alle anderen Jungs waren«, erzählt Lucia.

Als Migranten fühlen sich die Jugendlichen aber überhaupt nicht als Außenseiter. »Wir sind doch die Mehrheit!« »Wir sind hier die Mehrheit, weil wir auf der Hauptschule sind! Im Gymnasium gibt es nicht so viele Ausländer«, wirft Bogdan ein. – Und das ist kein Vorurteil, es ist echt so, einigen sich die Schüler.

»Man sollte sich nicht anpassen...!« Foto: kwasibanane

Foto: kwasibanane

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